Die Cloud Lüge

Als überzeugter Webarbeiter nutze ich so gut wie alle modernen Tools, Apps und Dateiverwaltungslösungen die in den Weiten des Internet zu Hause sind. Aber ich bin an einem Punkt des Genervtseins angekommen, wo ich nicht anders kann als euch heute von meinem Weg aus der Abhängigkeit der Wolkenapplikationen zu erzählen.

Die Vorteile von den durch die Cloud synchronisierten Datenströme sind verlockend: jederzeit Zugriff auf Fotos, Musik, Mails und Dokumente. Arbeiten von überall und nach kurzer Anmeldung von fast jedem Gerät. Wer kennt sie nicht, die erstaunten Gesichter der Kollegen die ein Google Doc zum ersten Mal richtig verstehen und jauchzend auf den blinkenden Cursor zeigen, der von dem Kollegen aus der anderen Niederlassung kommt.
Aber seitdem ich zwischen Hamburg und Berlin pendele, habe ich während der Bahnfahrten viel Zeit zum Nachdenken und Gründe mich über die mangelnde Weitsicht in der Entwicklung moderner Webanwendungen aufzuregen. Diesen Montag war es besonders schlimm, der ICE hatte wegen eines Software Fehlers eine Verspätungszeit von satten 2,5 Stunden. Wir standen zum Teil 40 Minuten und länger mitten in der Walachei. An Arbeiten war da, wie auch sonst in Zügen zwischen zwei deutschen Großstädten, nicht zu denken.

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Denn ich arbeite mittlerweile komplett in der Cloud, bei jovoto nutzen wir Google Apps und Google Drive, das Pendant zu Dropbox und so man online ist, ist das auch wunderbar. Alle Termine, Mails, Dokumente und jeder noch so kleine Arbeitsschritt und Task ist nur online verfügbar. Selbst das CRM zum Verwalten der Kundendaten ist komplett online und mit Googlemail verbunden. Aber als ich dann einen Termin aufgrund der Verspätung absagen musste, dauerte es mehrere Minuten bis ich bei dem grausamen Empfang die Nummer des Kunden parat hatte.

Meine Gedanken von der Zukunft der Cloud sind folgende: Innovationen die rein webbasiert funktionieren, werden es in Zukunft gerade hier in Deutschland enorm schwer haben zu wachsen und es wird einen Trend zurück zu Offline Applikationen geben.

Deutschland das Netzentwicklungsland

Das Problem ist natürlich der flächendeckende Empfang, ja LTE ist im Kommen, aber es ist und bleibt ein Spiel mit dem Zufall wirklich überall in der Bundesrepublik Zugriff auf das Internet zu haben. Sascha Lobo schrieb in seiner SpOn Kolumne zu Anfang des Jahres warum dieses Problem auch die nächsten zehn Jahre  noch Thema sein wird.

Die Raumstation ISS hat seit 2008 W-Lan, in Finnland und in der Schweiz haben öffentliche Omnibusse kostenloses W-Lan, im deutschen ICE dagegen kommt man auf einem Bruchteil der Fahrstrecken für nur 4,16 Euro pro Stunde ins Netz. Zwischen Hamburg und Berlin dagegen funktioniert nicht einmal der Telefonempfang durchgehend. Und die Datenverbindung fühlt sich von der Durchschnittsgeschwindigkeit her an, als würde es vom Frankfurter Netzknoten aus durch das Jahr 1995 bis in den Zug geroutet.

S.P.O.N-Die Mensch Maschine, armes Deutschland

Und immer wieder kann man Beispiele anderer Länder nehmen, Estland hat den kostenlosen Internetzugang ins Grundrecht aufgenommen. Es wird tatsächlich noch etwas dauern, bis es hier soweit ist. Leider. Aber kommen wir zu Punkt zwei.

Der Trend zurück

Ich glaube es wird einen Punkt geben, wo die Nutzer einfach keine Lust mehr haben. Ich meine damit nicht nur den abbrechenden Spotify Empfang in der U-Bahn, trotz Offline Playlist sondern die mangelnde Praktikabilität der Online Dienste hin zum Offline Modus generell. Google hat im Chrome ein Offline-Modus entwickelt, dass ist schonmal fein. Leider hat dieser den Charme  eine Kratzbürstigen Schwiegermutter. Wenn man aus Versehen zum falschen Zeitpunkt den Browser im Offline Modus neu lädt, ei ei ei dann war’s das mir dem bis dahin geschriebenen Text. Kurzum, kaum ein Entwickler, UIX-Experte und Designer denkt wirklich über das Zwischenspiel der beiden Welten nach. Und ich persönlich habe keine Lust mehr Versuchskaninchen zu spielen. Seit geraumer Zeit komme ich sogar dahin die Screentime wo es geht zu minimieren, mit Postits zu arbeiten, Gedanken und Notizen auf Papier festzuhalten. Es ist verrückt.

Durch diesen Rückschritt passiert etwas ganz Wichtiges: man denkt wieder zusammenhängend. Es gibt meiner Meinung nach nichts schlimmeres als nach einem gemeinsamen Brainstormen ein Google Docs anzulegen. Es ist quasi das moderne Vereinsprotokoll das keiner mehr nach dem Treffen liest. Ich habe schon so viele gute Ideen in der Cloud versinken sehen, es ist ein Graus. Wenn man aber Dinge zu Papier bringt, Post-its hin und her schiebt und die ausgesprochenen Ideen somit ein Stück weit in die Realität holt, hat das eine ganz andere Wirkung.

Aber wo waren wir? Genau, bei der Cloud Lüge. Ich appelliere für weniger Screentime in unseren Büros und für mehr Vertrauen auf die Fähigkeit in die eigene Organisationsfähigkeit. Für unterwegs freue ich mich, wenn Apps und vor allem Speicherkapazitäten entwickelt werden, die das mühelose Wechseln von Online- zu Offlinezeiten möglich machen. Bis dahin speichere ich immer schnell solange ich noch Empfang habe.

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3 Comments

  • Lex
    25. März 2013 at 09:04  - Reply

    Verfügbarkeit macht abhängig. Und das ist mittel- und langfristig viel gefährlicher als mal einen Kunden nicht rechtzeitig anrufen zu können, weil man sich nicht ordentlich vorbereitet hat.
    Klar ist es toll, alles immer überall verfügbar zu haben – das klappt vielleicht in der Welt der Marketingleute, die sich den Spruch ausgedacht haben. Tatsächlich ist es – Gott sei Dank – so, dass man eben nicht überall immer erreichbar (oder das Internet für mich erreichbar) ist.
    So muss man sich zum einen angewöhnen seine digitalen Helferlein so zu beladen, dass man das, was man sich vorgenommen hat auch problemlos machen kann.
    Schlechter Empfang zwischen Hamburg und Berlin? Da lach ich doch, ich pendel wöchentlich, teils mehrmals, zwischen Österreich und Deutschland. Hantiere also mit 2 Handies und das auf einer Strecke, auf der ein gutes Drittel keinen Empfang hat.
    Zum anderen gibts die einfache Lösung: einfach mal nicht (online) zu arbeiten, ein gutes Buch (vor mir aus übers Tablet) oder das neuste Magazin zu lesen, Musik zu hören und sich von der Idee loszulösen, nicht nur immer überall erreichbar und online zu sein sondern auch jede freie Minute mit Arbeit zu füllen.
    Work smart, not hard.

    Wo die Dateien dann liegen und wie verfügbar sie sind, ist dann ziemlich egal, wenn man sich vom Druck befreit der erste auf dem Like Button (social wie corporate media), der erste Kommentator, der erste Beantworter einer Mail, der erste bei was weiß ich zu sein und seine Arbeitszeit plant, wie man das früher eben auch machen musste, wenn man auf Business Trip war. Entspannt ungemein und ist – so schließt sich der Kreis – mittel- und langfristig – physisch wie psychisch gesünder – Stichwort Burnout.
    Die Entdeckung der Langsamkeit.

    P.S. Nicht zufällig deaktivieren immer mehr Firmen die Pushfunktion der Mailserver am Abend und Wochenende. Ein erster aber wichtiger Schritt zurück.

    • Jormason
      25. März 2013 at 09:30  - Reply

      Großartig. Dank dir für deinen Kommentar. Das nehme ich mir zu Herzen, komme sowieso zu selten zum Lesen. Und das Thema Loslassen gefällt mir sowieso sehr.

      • Lex
        25. März 2013 at 11:32  - Reply

        Bitte gerne. Seit dieser Erkenntnis arbeite und pendele ich deutlich entspannter – und nicht weniger produktiv. :)

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