Die fluide Karriere

Seit Anfang 2006 beschäftige ich mich mit dem Thema der Karrierentwicklung, zum einen beruflich, erst als Personaldienstleister und später als Berater für Social Media Recruiting und immer natürlich auch für mich selbst und meine eigene Karriere. Nach einer abgeschlossenen Berufsausbildung und einem abgebrochenen Studium, unzähligen Nebenjobs und seit kurzem auch intensiver Recherche in meinem Umfeld für mein Buch das sich mit diesem Thema beschäftigt, bin ich zu einem Schluss gekommen, dass die Zeiten flächendeckend-traditioneller Karrierewege seit gut zehn Jahren vorbei ist.

Heutzutage kommt es mehr denn je darauf an, sich selbst und seine Fähigkeiten genau zu kennen, ein gesundes Kontaktnetzwerk zu pflegen und natürlich zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Ich will damit nicht sagen, dass klassische Karrieren in zehn Jahren obsolet sein werden, der Angestellte aussterben wird und wir uns in zunehmender Flexibilisierung  nur noch als Freelancer in Coworking Spaces wieder finden werden. Ich möchte aber ganz laut heraus schreien, dass es KEINE Instanz in diesen Breiten gibt, die den Schüler/ Studenten ausreichend darauf vorbereiten, was auf sie und ihn in dem zunehmend brutaler werdenden War for Talents wirklich wartet. Schauen wir uns dazu kurz ein paar Zahlen an. Bei der Ergebnissuche zu den Tags #studie #karriere #deutschland lande ich Suchoptimiert bei dem Staufenbiel Paper „Jobtrends Deutschland 2013“. Hier findet sich folgende Übersicht:

Das ist im Grunde dasselbe Bild, dass seit Jahren herum geht. Mach nur was mit BWL, international Management, werd‘ Ingenieur oder lern‘ Programmieren und du schaffst den Einstieg in die gutbezahlten Positionen der Unternehmen des Landes. Der Studie folgend, sollte man möglichst den Master dazu machen, dann ist es quasi egal in welchen Studiengang man sich einschreibt. Aha.

Leider ist es in der Realität natürlich nicht so einfach. Niemand bringt einem jungen Studenten an egal welcher Uni bei, wie Konzernpolitik funktioniert und was man denn nun wo mit einem der vielfach gewünschten Studiengänge genau anfangen kann. Praktika, ja das scheint einen Ausweg zu sein. Hineinspüren in die mit guten Einstiegsgehältern winkenden Top-Arbeitgeber des Landes. Aber dann? Funktionieren, arbeiten, erfolgreich sein. Oftmals heißt es hineinstolpern, sich ausprobieren und drei, vier Jahre durchziehen.

Die McKinsey Falle

Aber wo passe ich hin mit meinen Fähigkeiten? Welcher Arbeitgeber, welche Branche macht mir Spaß? Reicht die kurze Zeit zwischen Bachelor durchkloppen und Master machen um seinen Traumjob zu finden? Sehr schön passt da das Bild was ich von einem Stamm-Taxifahrer meines früheren Arbeitgebers habe, er nannte es die McKinsey Falle. Er fuhr bereits mehrere Jahre für den Beraterriesen und beobachtete bei den meisten der frisch angeheuerten Berater und als Wirtschaftswissenschaftler am meisten gefragten Absolventen, folgende Entwicklung: man fängt jung und motiviert an, wird unter Erfolgsdruck gesetzt, erfüllt diesen und erreicht großartige Jahresgehälter. Dann schraubt man seinen Lebensstandard hoch, eine gute Wohnung, einen teuren Wagen, teure Partys und Urlaube. Der Rückweg aus der McKinsey Falle ist so gut wie unmöglich, man ist versaut, gewöhnt sich an die Umstände, macht weiter. Es bleibt wenig Zeit zur Besinnung auf die eigenen Fähigkeiten und Wünsche, hat man doch schon so viel erreicht. Und aus Angst zu verlieren und in seinem sozialen Umfeld seinen Status zu verlieren schlägt die McKinsey Falle zu, man reibt sich auf und brennt aus.

Natürlich ist das ein Stereotyp und ein Weg den nicht jeder Absolvent geht. Aber es zeigt das Problem, dass ich den meisten der durch ähnliche Erkenntnisse der Staufenbil Studie motivierten High Potentials attestiere – sie haben so gut wie keine Zeit sich auszuprobieren und zu erkennen was ihnen wirklich liegt. Ihr wisst worauf ich jetzt hinaus will. Ja, Burnout. Das am meisten diskutierte Stigmata der Wissensarbeiter dieses Landes. Interessant sind dabei, nach einer weiteren kurzen Recherche, die Erkenntnisse der Studie der Bundes-Psychotherapeuten Kammer zu diesem Thema: 

Burnout ist gemäß der Weltgesundheitsorganisation keine anerkannte psychische Erkrankung, sondern eine Zusatzkodierung im ICD10. Die Symptome von Burnout können sehr unterschiedlich und unspezifisch sein. Entsprechend gibt es keinen Konsens dar- über, wie Burnout zu diagnostizieren ist.

BPtK-Studie zur Arbeitsunfähigkeit, 2012 

Der Erkenntnisweg zur fluiden Karriere

Quelle: flickr.com User Iguanasan

Es gibt wunderbare Wege ein strahlendes Selbstbewusstsein für den eigenen Karriereweg zu entwickeln. Diese schützen zwar nicht vor dem Scheitern, aber sie bewahren einen davor eine dem eigenen Wesen grundlegend widersprechende Karriereentscheidungen zu treffen. Der erste Schritt ist sich kennenzulernen, es gibt dazu viele schlaue Bücher, aber das meiner Meinung nach Beste, ist das Konzept der Karriere-Anker von Edgar Schein, Professor emeritus für Organisationspsychologie und Management am MIT. Hier beschreibt er acht verschiedene Karrierewege, die alle einzigartig sind und für sich stehen. Natürlich beeinflussen sich die verschiedenen Karriereanker gegenseitig wie in jeder Typologie. Man kann Flügel, also Neigungen zu anderen Bereichen entwickeln und die Momentaufnahme des dahinter stehenden Tests, kann sich über die Jahre auch verschieben. Aber man bekommt tatsächlich einen Anker an dem man festhalten kann. Im Grunde ist der Anker mehr ein Kompass, der einen den Weg weisen kann.

Für mich ist das Bild auch erst komplett mit dem einer Persönlichkeits-Typologie, wie meinem Favoriten dem Enneagramm. Die Frage nach dem eigenen Karriereweg ist eng verknüpft mit der eigenen Persönlichkeit. Hier eine kurze Einführung:

Ich glaube, es ist entscheidend zumindest eine ungefähre Ahnung von den eigenen Fähigkeiten und Neigungen zu haben, bevor man sich in das Karrierespiel begibt. Nach Edgar Schein ist es z.B. dem Ingenieur mit dem Karriere-Anker „Technisch-Funktionale Kompetenz“ ein Graus, wenn er als dienstältester Mitarbeiter eines Tages zur Führungskraft befördert wird und statt Erfinden, Bauen und Machen nun Führen, Entwickeln und Leiten soll. Es geht schlichtweg gegen seine Natur plötzlich in das General Management aufzusteigen. Und so geht es in anderen Beispielen jedem Absolventen, Auszubildenden und Quereinsteiger. Wir brauchen einen Startpunkt um unsere Fähigkeiten an der richtigen Stelle einzusetzen. Erst dann können wir auch daran wachsen, weitere Fähigkeiten entwickeln und den dann auch offensichtlichen Karrierefallen entgehen.

Meines Wissens nach, gibt es dazu nur sehr wenig Programme die früh und klug genug ansetzen. Ich sehe gar ein gesellschaftliches Grundproblem in dem Glaubenssatz „funktioniere und schaffe“ hierzulande. Wir brauchen wesentlich fluidere Karrieremodelle, keiner hat Lust in Karrierefallen zu tappen die vorher vermeidbar wären, oder?

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7 Comments

  • Christoph Burger
    8. April 2013 at 10:11  - Reply

    Richtiger Ansatz: Trödeln, Langeweile und sich an Dingen und Personen reiben führt zur Persönlichkeitsentwicklung und damit zur Karriere. Trotzdem ist die Ausbildung wichtig.

    Beste Grüße,

    Christoph Burger
    (Karriereberater, Blogger, Buchautor, Stuttgart)

    • Jormason
      8. April 2013 at 14:12  - Reply

      Hey Christoph,
      dank dir für deinen Kommentar spannend was du machst. Hab gleich mal deinen Feed abonniert.

      Guter Einwurf, ich finde auch wer sich nicht langweilen kann und nur von Termin zu Termin rennt…leider ist das nicht skalierbar, in KPIs darstellbar oder sonst irgendwie messbar. :)

      Ich meine mich an eine Studie eines tschechischen Wissenschaftlers zu erinnern der das Thema Langeweile als essentielles Lernmittel untersucht hat.

      Aber ich glaube auch daran, dass noch unheimlich viel Luft nach oben gibt im Bereich der Karriereorientierung.

  • Jakob
    12. Oktober 2015 at 20:03  - Reply

    Schade nur, dass das Verständnis der fluiden Karrieren bis heute nur in die wenigsten Köpfe der Personalverantwortlichen gelangt ist. Stattdessen bedarf es nach wie vor eines geschniegelten Lebenslaufes um die Aufmerksamkeit aufrecht zu erhalten.

    Beste Grüße,
    Jakob

    • Jormason
      12. Oktober 2015 at 20:25  - Reply

      Das ist sicher auch so Jakob. Allerdings ändert sich gerade sehr viel und ich würde dir sowieso immer raten, dich nicht wie jeder andere auf eine ausgeschriebene Stelle zu bewerben. Ein guter Tipp ist die weitläufige Recherche von etlichen Unternehmen, die ausführliche Analyse möglicher Probleme und dann die personalisierte Initiativbewerbung. Denn auch in der fluideren Karriere, ist eine Bewerbung manchmal noch nötig. :)

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