Drei Gründe für mehr Mut zum Scheitern

Seit meinem Blogpost aus dem März zu meiner persönlichen Sicht zum Thema Scheitern, wurde ich mehrfach darauf angesprochen.

Viele Kommentare gingen in die Richtung „Nein Jörn Hendrik, du bist doch nicht wirklich gescheitert.“ oder „Sieh es doch einfach als eine Art Transformation!“. Ja, richtig es hatte nichts Endgültiges für mich und selbstverständlich bin ich wieder aufgestanden, habe mir den Staub vom Hosenboden geklopft und weiter gemacht. Was mich allerdings doch nachdenklich machte, war der unterschwellige und in einigen Fällen sogar ganz offensichtliche Ton der da mitschwang, nicht zu offen über das Scheitern zu sprechen.

Da das jedoch genau meine Absicht war mit dem Posting, beschäftigte mich das Thema auch danach weiter. Also habe ich mich auch über die Einladung von Heiko Bartlog für einen Impulsvortrag auf dem PM Barcamp in Berlin zu Anfang September gefreut.

Da es ein sehr persönlicher Vortrag war, gibt es keine Slides oder fancy Links. Ich habe das Thema Scheitern noch einmal aufgearbeitet und für mich sind drei Punkte besonders wichtig:

1. Scheitern ist wichtiger als Erfolg
Ich finde tatsächlich, es ist wertvoller sich mit dem Weg hin zu etwas zu beschäftigen, als nur auf die Trophäe zu schauen die man erhält wenn es vorbei ist. Scheitern ist gewichtiger und somit wichtiger als Erfolg. Es ist der sehr viel größere Teil eines Projektes, eines Karriereabschnittes und des Lebens. Ich will damit nicht ausdrücken es sei grundsätzlich wichtiger zu Scheitern als Erfolg zu haben. Ich möchte damit ein Stück die schwarz-weiß Denke aufbrechen, die auch Teil des Problems der mangelnden Kultur des Scheiterns ist. Die Frage sollte vielmehr lauten „Was hast du alles versucht?“ und nicht „Was hast du alles erreicht?“. Ich denke wir können mehr voneinander lernen, wenn wir uns offener und ohne falsche Scham darüber unterhalten können, was nicht geklappt hat und wie wir die Energie aufgebracht weiter zu machen. Das macht doch viel mehr Mut als die großen, fast mythischen Erfolgsgeschichten der großen Pioniere.

2. Scheitern fördert Resilienzfähigkeit
Eine der wichtigsten Fähigkeiten auf dem Weg zu einem großen Ziel, ist die Bereitschaft wieder aufzustehen und weiter zu machen. Resilienz in Bezug auf Scheitern oder Erfolg bezeichnet für mich den Muskel zu stärken, der uns die entscheidene Widerstandsfähigkeit gibt durchzuhalten und auch die Gelassenheit und den Abstand ein Projekt zu begraben, wenn es mal wirklich nicht weitergeht. Erst dieser wertvolle Moment wo ein Kartenhaus nach stundenlanger, quälender und geduldiger Arbeit einfach in sich zusammenfällt und wir uns entscheiden nochmal ganz von vorne anzufangen, bringt uns wirklich weiter. Man stelle sich vor, um beim Kartenhausbeispiel zu bleiben, man ist ein Naturtalent und auch das schwierigste Kartenhaus gelingt einfach immer. Wie schwer muss dann die Niederlage auf einem lasten, wenn man nach hundert Erfolgen plötzlich einen Mißerfolg erleidet? Die Widerstandsfähigkeit die wir durch eine genügende Anzahl an Mißerfolgen aufbauen ist es, die uns erst zu Erfolgen befähigt. Ich erinnere mich dazu gerne an meine Lehre zum Raumausstatter die meinen Einstieg ins Berufsleben markiert. Gerade im ersten Jahr gab es derart frustrierende und quälende Konfrontationen mit meiner buchstäblichen Unfähigkeit z.B. Palmfaser ohne Löcher richtig unters Federlein zu verteilen, den verzogenen Stich zu erlernen oder Bezugstoff richtig an Sofaecken zu tackern, ich war mehrfach versucht einfach hinzuschmeißen. Auch wenn ich heute kaum noch Palmfaser unter die Finger kriege, ich habe das ganz starke Gefühl das mich diese Momente des Durchhaltens täglich begleiten und reicher gemacht haben.

3. Scheitern macht Spaß
Das klingt natürlich wie Hohn für den armen Kartenhausstapler dessen mühevolle Arbeit in wenigen Sekunden zu nichte gemacht wird, aber ich glaube es ist möglich mit einem Lächeln auf dem Gesicht zu scheitern. Im Grunde wäre das für mich sogar der zenartige Moment der Erleuchtung wo die beiden Pole Scheitern und Erfolg verschmelzen. Ok, das klingt jetzt vielleicht etwas naja, zu viel für die eine oder den anderen. Doch ich meine das durchaus ernst. Wenn wir uns entschließen etwas wirklich zu lernen, zu erreichen und zu leben, reicht es nicht Erfolge zu feiern und auf Netzwerkveranstaltungen gespielt verschämt davon zu erzählen. Ich finde wir erreichen und bewirken so viel mehr, wenn wir daran arbeiten uns die Widerstandsfähigkeit aufzubauen die wir für den Erfolg brauchen. Und genau dafür brauchen wir einen entspannteren Umgang mit dem Scheitern.

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11 Comments

  • Daniela
    7. Oktober 2013 at 00:06  - Reply

    Hallo mein lieber Jörn,

    das hast du wirklich sehr gut und treffend geschrieben! Ja, Scheitern das Tabuthema… Als ob es nicht zum Leben dazugehören würde, als ob es etwas wäre, wofür man sich schämen müsste. Dabei bringt einem das Scheitern so enorm weiter wenn man bereit ist daraus zu lernen.
    Na minha opiniao, fracassos trazem os verdadeiros caráteres à tona – tanto os nossos proprios quanto os ao nosso redor.

    Um beijo enorme,
    Daniela

    • Jormason
      7. Oktober 2013 at 09:56  - Reply

      Obrigado amiga. Virou Paula Coelinha hein? (:

  • Astrid Korth
    7. Oktober 2013 at 10:10  - Reply

    Hallo,
    wie schön, so einen Blogbeitrag zu lesen! Ich bin auch immer dafür das Scheitern so zu benennen – und kein anderes Wort dafür zu finden. Und ja – es ist ein Tabu-Wort. Es ist provozierend für die meisten Mitmenschen, das Nichtgelingen als Scheitern zu bezeichnen.
    Ich kann nur alle dazu anregen, sich damit auseinander zu setzen – denn es kann auch richtig Spass machen, zu scheitern! Idealerweise gibt es ja Clown-Kurse, wo man sich diesem Thema sehr gut nähert, auf einer spielerischen Ebene. Und der Clown scheitert ständig….. aber mit seiner grundsätzlich interessierten Haltung wirft es ihn nicht um, sondern er versucht es einfach wieder und kommt irgendwann auf einen neuen Weg ;-) Und das ist dann auch Humor: sich selbst nicht so ernst nehmen, mit den eigenen Unzulänglichkeiten umgehen lernen und darüber lachen können!
    Fröhliche Grüße aus Hamburg,
    Astrid

    • Jormason
      7. Oktober 2013 at 20:59  - Reply

      Ich sage wownund Danke Astrid. Ein wunderbarer Vergleich zum Clown. Passt sehr gut und bereichert die Sicht aufs Scheitern. Merci.

  • Ralf
    7. Oktober 2013 at 11:08  - Reply

    Ui, schon wieder ein feiner Beitrag. Wenn das so weitergeht muss ich mich noch als Stammleser outen ;o)
    Scheitern klingt aber halt auch so dramatisch… Scheitern ist doch „nur“ die Bedeutung für das Fehlschlagen eines Vorhabens. Und darin steckt der Fehler. Und dann kommt wieder die alte Binsenweisheit zum Tragen, die da heißt „Aus Fehlern lernt man“, somit ist scheitern erstrebenswert ;o)

    • Jormason
      7. Oktober 2013 at 20:58  - Reply

      Na aber das ist doch fein. Ein Stammleser, yeah.
      (:

      Dank dir. Ja es ist ein Thema das nicht nur polarisieren sollte. #aufdemWegdahin

  • Renate Spiering
    26. Dezember 2013 at 17:21  - Reply

    Lust am Scheitern
    = Lust am Lernen
    = Lust am Fluiden
    miteinander beieinander ineinander
    verflochten
    hoffend
    riskierend

    Es geht gut voran hier :-)

    Danke!!!

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