Es ist das Eckige was uns krank macht

Es musste schon ein wenig in mir arbeiten, bis ich diesen Blogpost schreiben konnte. Am Freitag hatte ich einen kleinen Talk auf der Webciety/ CeBit und sprach vor kleinem Publikum und im Panel darüber und heute nach einem wunderbaren Nachmittag in der Praxis meines guten Freundes Stefan ist es soweit, ich möchte über mein Scheitern schreiben. Über mein Unvermögen die anfänglichen Visionen mit ffluid als Gründer weiterzuführen und warum es so lange dauerte, es euch auf diesem Wege mitzuteilen.

„Es ist das Eckige was unsere Gesellschaft krank macht. Darum bildet Kreise, damit wir wieder heil, wieder ganz werden können.“

frei nach Andreas Krüger 

Diesen Satz hörte ich heute bei Stefan und ich finde in diesem Worten viele der Gefühle wieder die ich in den letzten Wochen bei diesem Thema gespürt habe. Scheitern ist nicht akzeptiert hierzulande, öffentlich zu scheitern heißt einen Großteil des Vertrauens einzubüßen, das unter Umständen Jahre gebraucht hat zu wachsen. Diese Rotstift-Mentalität wie ich sie nennen möchte, die verhindert, dass wir Menschen die den Mut habe etwas auszuprobieren aber daran scheitern dafür loben, ist allzu präsent. Rotstift wie damals in der Schule, es werden die Fehler hervorgehoben und moniert aber leider gehen dadurch die individuellen Erfahrungswerte unter. Anstatt den Weg dahin zu betrachten, liegt der Fokus zumeist schlicht nur auf dem Erreichten. Natürlich führen Rechtschreibfehler im Diktat zu einer schlechteren Note, genauso wie schlechte Buchhaltung zu Insolvenz führen kann. Ich möchte nicht die Fahrlässigkeit oder den Leichtsinn salonfähig sprechen, sondern für die Kultur des Scheiterns plädieren, die zum Glück gerade vielerorts diskutiert wird (ganz frisch hier, hier oder hier).

Es fühlt sich nicht richtig an in Deutschland zu Scheitern, sondern irgendwie eckig. Man verlässt den vorgegeben Pfad, kann nicht mithalten und steht plötzlich daneben. Das sind jetzt viele Verallgemeinerungen, ich habe allerdings so viele Beispiele für diesen eckigen Rotstift- Umgang, ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll. Auf beruflicher Ebene kann ich sagen, dass es sich in meinen Zeiten der Gründung von ffluid oft genauso angefühlt hat. Das typische Henne-Ei Problem der großen Kunden-Referenzen ist so eines. Wir saßen bei Konzernen und pitchten um die Wette, zu oft hörte ich zum Schluss mit einer logisch erscheinenden Erklärung zu Sicherheit und Einkaufspolitik die Absage. Oder der Druck bei fast jeder Veranstaltung als Gründer möglichst über große Erfolge zu reden. Natürlich bin ich drangeblieben, feierte auch die gewünschten Erfolge, aber da ich weder auf Finanzierung in irgendeiner Form zurückgreifen konnte und somit schließlich als One-Man-Show an der Front alles Abpuffern musste, ging mir nach ein paar schlecht laufenden Monaten einfach die Puste aus.

Wichtig in diesem Zusammenhang ist aber, dass ich mich nicht um mangelnde Unterstützung beklagen möchte. Die Coworker- Gemeinschaft des betahaus Hamburg und bei vielen Gründer-Kollegen war großartig, ich hatte tolle Coaches und ich bin jedem einzelnen meiner Kunden dankbar für ihr Vertrauen. Es lag schlichtweg an mir, dass ich nicht rechtzeitig weitere Wege gesucht habe, die vielleicht das Ruder hätten herum reißen können. Ich war wie gelähmt, wollte nicht das zarte Gründerpflänzchen gefährden, kämpfte weiter. Erst als meine Familie mir signalisierte, dass Ihnen der Stress zu hoch wurde, lenkte ich ein. Ich hatte schlichtweg Angst vor dem Scheitern.

Laut dem Global Entrepreneurship Monitor von 2012 würden übrigens 50% der Deutschen kein Unternehmen gründen aus eben diesem Grund (mehr dazu hier). Und das ist mein Punkt. Wenn wir also eine Kultur des Scheiterns etablierten, würde sich das auch enorm auf die Lust und den Mut jedes einzelnen auswirken mehr auszuprobieren. Wir hätten im Vornherein viel weniger Angst, wir würden das Scheitern als organisch betrachten, es würde viele Lebensläufe einfach runder machen. Rund weil ganz, niemand ist frei von Fehlern und ja verdammt man darf auch dazu stehen. Auch wenn sich obiges Zitat ziemlich drastisch anhört, ich glaube es ist wahr. Perfektion ist eckig und somit unorganisch, lasst uns runder mit diesem Thema umgehen.

Ich möchte allerdings nicht schließen und meine tiefe Dankbarkeit für das Erlebte ausdrücken und allen Menschen die mich begleitet haben. Vielen Dank für eure Geduld, es sind endlich alle Rechnungen bezahlt – yiepiehh. Und ein großes Sorry, dass ich bei einigen Anlässen verhaltener war als sonst, das jormason Strahlen kehrt in vollem Ausmaß zurück, versprochen. Es war so wichtig für mich diese Erfahrung zu machen und ich möchte JEDEN ermutigen den Schritt dahin zu tun wo sein Gefühl ihn beruflich hintreibt. Und eines ist mir besonders klar geworden, mit einem starken Kreis aus Vertrauten lässt sich jedes Scheitern überwinden. Deshalb ist es so wichtig den Mut aufzubringen über das Scheitern zu sprechen, es ist nicht immer schön aber ein solches Vertrauen wird belohnt. Ich glaube wir sind auf dem richtigen Weg, einem runden Weg.

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21 Comments

  • Vanessa
    10. März 2013 at 11:15  - Reply

    Danke für diesen Beitrag Jörn Hendrik! Es stimmt schon, dass es in Deutschland besonders extrem ist. Sobald jemand was machen will, bekommt er / sie gleich diesen Blick. Zweifelnd, fast mitleidig, manchmal auch freundlich, aber sehr distanziert. Dazu kommt, dass das Thema ja wirklich unheimlich kompliziert ist. Es ist ja fast schon egal, wie lange man erfolgreich gewesen ist, am Ende scheitert man. Dann gibt es tausend Ratschläge, wie man erfolgreich ist. Die kommen alle von erfolgreichen Leuten. Möglicherweise haben aber mindestens genauso viele Gescheiterte dieselben Strategien angewendet, aber die werden ja schließlich nicht gefragt.
    Wir sagen immer, wir müssen experimentieren, um zu handeln. Und alles, was nicht scheitern kann, ist kein Experiment. Aber bist du überhaupt gescheitert? Du bist ein gewisses Risiko eingegangen. Solange man das selbst überblicken kann, ist das doch vollkommen vernünftig. Man verliert vielleicht Geld, okay. Aber man gewinnt Erfahrungen, Kontakte und Kompetenzen, die man sonst nicht hätte. Ist das wirklich ein so schlechter Deal?

    • Jormason
      10. März 2013 at 12:07  - Reply

      Danke für deinen wunderbaren Kommentar. Nein natürlich ist die Transformation nach Berlin perfekt. Großartige Kollegen, großartiger Chef, großartiges Thema.

      Aber ich wollte es einfach mal aussprechen anstatt zu schweigen. Ich habe keinen Startuppitch gewonnen, nix geraised, kein exorbitantes Wachstum hingelegt und nur’n paar DAX 30’er zu Kunden gewonnen statt alle. (:

      Aussprechen ist Teil des „Rund-Machens“. Und der Heilung für dieses Thema finde ich.

  • Sabine Dinkel
    10. März 2013 at 19:15  - Reply

    Lieber Hendrik,

    deine offenen Worte haben mich sehr berührt.

    Als Gründer fragen wir uns doch eigentlich andauernd „Werde ich erfolgreich sein…?“. Es wäre doch weiser, sich eine andere Frage zu stellen, nämlich: „Ist es das Risiko wert, dass ich die Selbstständigkeit ausprobiere?“

    Der Unterschied:
    Die Frage, ob eine Gründung das Risiko wert sei, setzt die Bereitschaft voraus, Neues zu lernen (…und ein „Scheitern“ mit einzuplanen).
    Die Frage, ob sich „denn auch Erfolg einstellt“, führt häufig genug zur Lähmung, zu Aufschieberitis, zur Überforderung.

    Voraussagen sind einfach schwierig, selbst sogenannte „Experten“ liegen regelmäßig falsch mit ihren Prognosen. Hilfreich finde ich es, bewusst ein Risiko einzugehen, daraus zu lernen und gegebenenfalls mit neuem Wissen und Erfahrungen an das nächste Projekt zu gehen. Sich selbstständig zu machen, ist nunmal mit einem gewissen Risiko verbunden, wie so vieles im Leben.

    Scheitern ist für mich (mittlerweile) ein wichtiges Element. Denn von Anfang an kalkuliere ich ein, dass ein Vorhaben möglicherweise nicht gelingen wird. Sonst würde ich mich womöglich gar nicht aus der eigenen Komfortzone bewegen. Perfektionismus ist in der Tat eckig, aber sowas von.

    Vieles in Sachen Selbstständigkeit (Marketingaktionen, Workshop-Themen, Dienstleistungen, Investitionen) betrachte ich inzwischen bewusst so: vielleicht klappt es nicht, vielleicht lohnt es sich nicht. Und trotzdem ist es OK, es auszuprobieren.

    Für mich bist du nicht gescheitert, sondern du hast dich mutig fortbewegt, Dinge ausgetestet Erfahrungen gesammelt. Und du hast jetzt die Entscheidung getroffen, einen anderen Weg auszuprobieren.

    Das soll dir erstmal einer nachmachen!

    Herzliche Grüße und eine schöne Zeit in Berlin
    Sabine

    PS.
    Toll, dass du eine so gute Gemeinschaft um dich hast – das ist doch etwas ganz Wesentliches.

    • Jormason
      10. März 2013 at 19:48  - Reply

      Oh wow, vielen vielen Dank für deinen Kommentar meine Liebe. Du hast so recht, das Scheitern in den Alltag zu integrieren und sich nicht wild machen lassen….so great.

      Danke für deine Worte, ich glaube mittlerweile wer das Scheitern akzeptiert ist automatisch einen Schritt weiter. +1, Level up, über Los und 4.000€. Und diejenigen die es „eckig in sich reinfressen“ ei ei ei…die Retourkutsche könnte unangenehm werden.

      Ich freue mich wahnsinnig über das Feedback. Vielleicht sollten wir ein Fail Camp organisieren!
      (:

      • Sabine Dinkel
        10. März 2013 at 20:07  - Reply

        Sehr gerne ;o)

        Das Thema „Scheitern bzw. Angst vor dem Scheitern“ begegnet mir regelmäßig im Coaching. Von daher springe ich auch gerne darauf an und möchte nur zu gerne weiter daran wirken, das Scheitern in einen anderen Rahmen zu setzen (Stichwort: „reframing“).

        In diesem Zusammenhang möchte ich zwei meiner Lieblingslieder von Tocotronic zitieren:

        „Sag alles ab
        Geh einfach weg
        Halt die Maschine an und
        Frag nicht nach dem Zweck“

        (Song: „Sag alles ab“)

        ***

        „Und wenn du kurz davor bist, kurz vor dem Fall
        Und wenn du denkst: „Fuck it all“
        Und wenn du nicht weißt: „Wie soll es weitergehen?“

        Kapitulation…

        (…)

        Lasst uns an alle appellieren
        Wir müssen kapitulieren“

        (Song: „Kapitulation“)

        ***

        hehe :D

  • Jan
    10. März 2013 at 20:57  - Reply

    Moin!
    du sprichst mir aus der Seele.
    Alle Management-Schulen predigen, dass Fehler/Scheitern zum Erfolg dazugehören, ja sogar in Abhängigkeit zueinander stehen. Im beruflichen Alltag erlebt man jedoch oft das Gegenteil.
    Das Kommentar von H. Ford beschreibt dies ja trefflich.
    Keep it on Alter!
    Abraços
    Jan

  • Gerald
    11. März 2013 at 10:26  - Reply

    Hallo Henrik,

    mutiger Beitrag und verdammt wichtig! Ich kann mir vorstellen wie schwer das für Dich gewesen seien muss damit an die Öffentlichkeit zu gehen.

    Ich bin mir sicher das die Erfahrungen der letzten Jahre Dich wesentlich gestärkt haben und Du sie als Stärke in Zukunft einsetzen kannst. Zum Teufel mit dem Begriff scheitern, was heisst das schon? Die Lebenserfahrung ist doch das was zählt und der Mut es einfach zu machen.

    Wünsche Dir alles Gute in Berlin, rock on!
    Gerald

    • Jormason
      11. März 2013 at 19:51  - Reply

      Dank dir. Werd ich haben.
      Ich weiß wie du’s gemeint hast, aufstehen und weitermachen werd ich auf jeden, mach ich ja schon.
      Aber trotzdem muss ich widersprechen, eben nicht zum Teufel mit dem Wort und der Tatsache scheitern. Dafür ist es einfach zu wichtig.

  • Christiane
    11. März 2013 at 15:28  - Reply

    Lieber Jörn Hendrik,

    danke für deinen ehrlichen Beitrag. Ich kann gut nachempfinden, dass man sich fragt: was hätte ich besser/anders machen können? Ich plane gerade selbst die Selbständigkeit und verstehe die Ängste dahinter gut.

    Am Wochenende hat jemand auf dem Barcamp Ruhr eine Session über sein gescheitertes Start-Up gehalten. Bei all dem Negativen was dabei zu Tage trat bereut aber auch er den Versuch überhaupt nicht. Ich bin auch der Meinung, dass man das Gelernte mitnehmen kann und stolz darauf sein sollte, es überhaupt versucht zu haben.

    Im 16. Jahrhundert bedeutete der Begriff „Scheitern“ noch „etwas in viele Stücke zerbrechen“. Ich finde das eine schöne Analogie, denn aus den einzelnen Teilen kann man wieder etwas neues bauen :)

    Ich wünsche dir und deiner Family das Allerbeste für Berlin und vor allem: ganz viel Freude im Job :)

    • Jormason
      11. März 2013 at 19:55  - Reply

      <3
      Dank dir. Wie wunderbar das mit den Teilen. Gefällt mir gut.

  • Nadja
    14. Juni 2013 at 13:09  - Reply

    Ich gratuliere dir. als Sieger gehst du aus dieser Erfahrung raus, stark und mit erhobenem Kopf. du hast meinen Respekt. vielleicht kommt durch Menschen wie dich der Stein ins Rollen. wo läuft man dir in HH über den Weg?

    • Jormason
      14. Juni 2013 at 14:38  - Reply

      Dank dir Nadja, freut mich das dir der Artikel gefällt. Nachdem Peer Steinbrück ja schon was dazu gesagt hat, gab es auch was in der Business Punk dazu. Aber erst wenn jetzt noch eine Blogparade folgt, ist es geschafft. :)

      In Hamburg leider nicht mehr, ich bin nach Berlin übergesiedelt.

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