Ist Führung in Deutschland kaputt?

Bildquelle: broken stairs by flickR user rickydavid

Mein Meister hat es mir in meiner Lehrzeit 1999 bis 2002 immer wieder auf’s Brot geschmiert, möglichst noch um 07:28 als ich die Treppe zur Werkstatt hoch ging: „Lehrjahre sind keine Herrenjahre!“ Die regelmäßigen Gespräche mit dem Chef-Chef im Büro meines Ausbildungsunternehmens kamen dann noch dazu. Meine Herrenjahre als Raumausstatter waren mir wohl keine Lehre. Dann kamen meine Zeiten als Key Account Manager, es wurden Zielvereinbarungen vereinbart und Zielerreichungskontrollen durchgeführt. Der Audi fuhr sich zwar besser als die S-Bahn, aber irgendwann ging es nicht mehr. Der Rahmen den mir meine Chefs steckten, wurde nicht nur von ihnen mit Vorgaben gefüllt, sondern kontrolliert und meine Ergebnisse dann auch noch in Mitarbeitergesprächen reflektiert. Es war klar was ich wie erfolgreich tun sollte, wer es wie kontrolliert und Führungskräftetrainings gaben Hilfestellung für Kritikgespräche um die Ergebnisse zu reflektieren. Ich sollte funktionieren. 

Danach kam die unternehmerischen Freiheit als Solopreneur die sich nach einer solchen Bevormundung meiner Fähigkeiten derart paradiesisch anfühlte, ich könnte gleich einen nächsten Blogpost darauf schreiben warum ich nicht anders arbeiten möchte. Aber es nützte nichts, heute bin ich wieder angestellt und kämpfe mit ähnlichen Mustern der Führung wie zuvor beschrieben. Wenn ich mich so umhöre, geht es vielen lieben Menschen ähnlich, leider habe ich auf Anhieb wirklich kein Beispiel einer Führungskraft parat, wo uneingeschränkte Loblieder gesungen werden. Das ist jetzt auch berechnende Blogpost Prosa und Führungskräfte kriegen qua ihrer Position generell zu wenig Lob, aber es ist schon auffällig wie deutlich die schlechten, ja geradezu grausam erscheinenden Despoten eines nach Vorgabe & Kontrolle getriebenen Führungsstils herausstechen.

Hört sich weinerlich an sagt ihr? Das ist Mimimi eines weichgespülten Digital Natives der in seinem Elternhaus zur Unselbständigkeit erzogen wurde? Nein. Es ist meiner Meinung nach ein fundamentales Problem, dass wir mit Deutschlands Führungskräften haben. Gucken wir uns doch mal die heutigen Führungskräfte an, wie alt sind die wohl? Also die richtigen, mit einer Leitungsspanne von mindestens 10-100 Mitarbeitern und der Vollmacht für ein vernünftig siebenstelliges Budget? Ganz sicher Mitte Dreißig, wenn nicht Anfang Vierzig. Und von wem haben diese Männer (Frauen sind hier ja bereits hoffnungslos unterbesetzt) wohl gelernt? Richtig, von ihren Chefs die auch noch im Chefsessel sitzen, dem über ihnen nämlich. Und wie alt sind die? Genau, eigentlich schon im Rentenalter. Und hören die auf? Sie denken nicht dran. Babyboomer sind zäh, sie sterben weg.

Und jetzt kommen ein paar Links und ich packe die Polemik beiseite.

Die Volkswirtschaft läuft in die Durchschnittsfalle: Hochbegabte Schüler und Studenten werden ausgebremst und demotiviert, Wirtschaft und Gesellschaft haben für sie meist keine Verwendung. Dabei sind sie aus evolutionsbiologischer und historischer Sicht entscheidend für das Überleben einer Gesellschaft. Sogenannte Peaks und Freaks werden als Problem angesehen, dabei könnten sie in vielen Fällen die Lösung darstellen.

Freaks sind die besseren Führungskräfte, SpOn, Januar 2014

Die Wirtschaft der Zukunft braucht neue Führungsmodelle. In dem wunderbaren Buch New Business Order von Lena und Christoph, das mich heute auch zu diesem Blogpost inspirierte, steht im Teil 3 unter „Das Gerüst stabilisieren“ ein ganz wichtiger Absatz. Nämlich das die Zeit vorbei ist, wo Führungskräfte ihren Job getan haben, wenn sie Ziele vorgeben und diese kontrollieren. Vielmehr geht es darum ein Gerüst aus Rahmenbedingungen zu schaffen, dass sich Mitarbeiter dann komplett selber befüllen. Eigene Ziele, eigene Reflexion der geleisteten Arbeit. Und die Chefs lehnen sich zurück? Mitnichten. Vielmehr kommt es drauf an als Coach zu agieren der seinen Mitarbeitern die richtige Hilfe zur Selbsthilfe geben kann. Das berühmte denglische Verb „enablen“ zeigt die Kernaufgabe der Führungskraft von morgen die wir dringendst heute schon brauchen. Verständnis, Motivation, Vertrauen sind die Grundsäulen in denen sich High Performance Teams entwickeln können.

Für ein System, das auf Führung als Motivation und Unterstützung zum Selbstmanagement basiert, sind die falschen Leute in den leitenden Positionen wie Wasserrohre aus Blei in Altbauten: Man fällt zwar nicht sofort tot um, aber die Langfristwirkung ist nicht weniger gefährlich.

Giesa, Christoph/ Schiller Clausen, Lena: New Business Order, Hanser, Hamburg, 2014, S. 211.

Dem ist von meiner Seite nichts hinzuzufügen. Das Bild das Lena und Christoph in ihrem Buch zeichnen ist allerdings ein sehr positives und es lohnt sich sehr das Buch zu lesen. Zum Glück kommt bald auch noch ein Podcast mit den beiden über die Entstehungsgeschichte extra für euch. Ich lese jetzt erstmal zu ende und atme durch, nachdem ich mir diesen Frust von der Seele geschrieben habe. Ah und ich trinke einen ordentlichen Schluck bleifreies Berliner Leitungswasser. (Bildquelle: broken stairs by flickR user rickydavid)

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