Karriere macht dumm, Arbeit arm und Wachstum unglücklich

Ich höre gerade, wie eigentlich so oft ich kann, FluxFM und musste fast das Frühstück abbrechen, weil ich so gefesselt war von der Show heute beim FLuxFM Spreeblick, durch die wie immer Jonny Haeusler führte. Eingeladen waren Alix Faßmann und Anselm Lenz vom Haus Bartleby. Das Projekt ist ein charmanter und blitzgescheiter Denkanstoß, ja Denkangriff auf unser System der Arbeit und allem was wir damit verbunden als selbstverständlich erachten. Die Erklärung wo der Name der Initiative Haus Bartleby herkommt, verströmt den Charme kluger Denker, derer es definitiv mehr geben sollte. Aber wie war das noch mit dem bezahlen der Miete und den Brotjobs die wir zum Überleben brauchen?

Wem dienen wir, wenn wir eine Karriere machen? Und warum müssen wir uns bewerben, wenn wir nicht „in Arbeit“ sind? Klar ist: Die berufliche Karriere ist derzeit der größte Faktor dafür, wie wertvoll ein Mensch auf dem Markt ist. Die Verteilung von Nahrung, Wohnung, Produkten, Macht und Anerkennung richtet sich dabei nach der beruflichen Stellung innerhalb der Gesellschaft auf unserem schönen Planeten.

Quelle: hausbartleby.org/Prolog

Auch wenn ich beim Zuhören von Alix und Anselm tiefste Zustimmung empfinde und jedem rate sich auf ihrer Seite zu bewegen (und sich die Bücher von Alix „Arbeit ist nicht unser Leben“ und Anselm „Das Ende der Enthaltsamkeit“ anzuschauen), überkam mich ein starker Impuls zu widersprechen. Denn der Untertitel ihres Instituts „Haus Anselm – Zentrum für Karriereverweigerung“ ist gewürzt von dem was als „intellektuelle Störfaktorhaltung“ bezeichnen würde. Menschen zum Nachdenken anregen und einen Diskurs starten, das ist gut. Aber es reicht leider nicht. Denn wissen wir nicht alle insgeheim, dass es so nicht weitergehen kann mit hemmunglosem Kapitalismus? Ja ok, die Börse rennt immer noch und wir haben alle noch genug Freunde die sich in Agenturen und bei großen Beratungshäusern ausbeuten lassen, aber was ist die Antwort auf die damit verbundenen Probleme? Wie kann die vielbesungene Gen-Y die nach einem anderen Wertesystem leben und arbeiten will, dies auch konsequent tun? Was ist die Antwort auf die Kritik im ersten Schritt? Das bedingunglose Grundeinkommen? Ständiger Widerstand? Die Revolution?

Ich bin jetzt seit 2008 in dem Themenfeld und der Diskussion der Konzepte neuer Arbeit unterwegs und finde erstaunlich wenig Antworten um nicht zu sagen es gibt keine. Denn ohne Hierarchien arbeiten, an Stehtischen Post-its kleben, in Coworking Spaces ziehen, Startups gründen und sich die eigene Montagswelt bauen, dass ist alles nicht die Grundlage einer wirklichen Veränderung. Es sind alles Beispiele, erste Versuche und es bleiben viel zu viele Fragen offen. Was passiert außerhalb der Startups-Szene und Latte Macchiato Projektwelt derer die irgendwas mit Medien machen? Wo sind die Ansätze der neuen Arbeit für die Krankenpfleger, Mechatroniker und weil’s gerade aktuell ist für Piloten ab 55 und die Lokführer? Da wird es nämlich ganz schnell still in der Denkstube der intellektuellen Störfaktormacher. Reicht es aufzudecken und zum Nachdenken anzuregen? Muss jetzt ein Ruck durch die Politik gehen oder revolutioniert das Internet nicht fast automatisch alle Bereiche der Arbeit und des Lebens?

Ich glaube ganz fest daran, dass wir dem Erbe und auch den Errungenschaften des Zeitalters der Industrialisierung (der acht-Stunden Arbeitstag, Gewerkschaften und Arbeiterrechte) mit mehr Respekt begegnen sollten, wenn wir aktuell nicht mehr können als Störfaktoren zu setzen. Ich finde Karriereverweigerung kann nicht die Antwort auf die eben skizzierten Fragen sein. Ich plädiere für ganz gezielte Karriereentscheidungen auf der Grundlage umfassender Karriereorientierung. Denn es ist anders als in der Runde bei FluxFM heute diskutiert kein Problem das die Startup Szene so rasant wächst oder das Philosophie-Studenten in Werbeagenturen arbeiten. Vorausgesetzt die Entscheidung zu gründen oder sich dem harten Agenturalltag zu stellen fußt auf einem soliden Wissen um die eigenen Fähigkeiten und einem klaren Bild für ein Ziel und vielleicht auch klaren Punkten die man radikal verändern will. Es geht für mich um den eigenen Werkzeugkasten und das was man damit anstellen möchte, weniger um neue Arbeitskonzepte wie soziokratische Netzwerkstrukturen und disruptive Technologien. Denn niemand will Karriere die dumm macht, oder Wachstum das unglücklich macht, es gibt nur zu wenige wirkliche Alternativen die bisher gedacht und umgesetzt wurden. Lasst uns doch damit mal anfangen.

Share Post :

More Posts

Schreibe einen Kommentar