Von dem Wahnsinn der Überstunde

Wer zuviel arbeitet schafft auch nicht mehr. Das konnte ich mir schon selbst zusammenreimen, denn mit einem frischen Kopf löse ich anstehende Aufgaben schneller und effizienter. Doch was mich schockierte: wer zuviel Überstunden macht, läuft sogar Gefahr nicht wieder gut zu machende Fehler zu begehen und unser Hirn funktioniert ganz einfach nicht für den Task-Akkord eines 10-Stunden-Arbeitstages. Da hilft auch kein schönes Interior Design, der beste Kaffee der Welt oder ganz viel Geld, es ist schlichtweg Wahnsinn regelmäßig Überstunden zu machen.

Ich habe dieses Thema schon in Köln auf dem Crowdsourcing Summit letztes Jahr angeschnitten und in letzter Zeit spreche ich auch viel mit Freunden über das mangelnde Bewusstsein vieler berufstätiger Menschen, insbesondere in der Software-Entwicklung und der Kreativbranche zu gesunder Arbeit. Daher folgen hier die meiner Meinung nach wichtigsten Punkte, auf die man achten sollte um ein möglichst ausgeglichenes und vor allem effizientes Arbeiten zu ermöglichen.

Gehirngerecht Arbeiten 

Wir alle haben ganz unterschiedliche Vorlieben wie wir arbeiten wollen, dem einen macht das Großraumbüro gar nichts aus, dem anderen kann es nicht ruhig genug sein am Arbeitsplatz. Es gibt aber ganz wesentliche Ergebnisse aus neurowissenschaftlichen Studien, die ein gehirngerechtes Arbeiten empfehlen.

  • Dazu gehört zum Beispiel die Faustregel, dass sich ein durchschnittlicher erwachsener Mensch nicht länger al 90 Minuten am Stück konzentrieren kann. Nach eineinhalb Stunden nimmt sich unser Hirn quasi zwangsläufig eine Auszeit. Meetings die also auf zwei Stunden ausgelegt sind, enden oftmals in einer Katastrophe. Niemand kann sich mehr am Schluss konzentrieren, es wird nur noch gefaselt und kein klarer Verbleib und Todos werden festgehalten. Sieben Minuten Pause nach 90 Minuten Arbeit lautet die erste Empfehlung.
  • Fokus ist enorm wichtig. Laut David Rock, dem Autor des Buches „Your Brain at Work“ haben wir nur 1-2 Stunden am Tag wo wir Hochleistung bringen können. Wenn wir diese in einem Meeting verschenken oder am Telefon, verschenken wir die wichtigste Zeit des Tages. Sucht euch einen ruhigen Raum strukturiert euch, schreibt euch einen Todo-Liste und arbeitet dann Tasks die ihr ohne Ablenkung wegschaffen könnt. Also möglichst ohne ein weiteres Tab zu öffnen oder jemanden fragen zu müssen. 
Eight Hour Day Banner, Melbourne, 1856. Quelle: Wikipedia

Überstunden sind dumm

Schon 1907 fand Ernst Abbe, der damalige Mitinhaber der Firma Carl Zeiss in einer Studie die Effizienz der eigenen Fabrikarbeiter folgenden Zusammenhang heraus: „(…) die Verkürzung von neun auf acht Stunden, also um mehr als 10 % in einem Sprung, hat keine Minderung der Tagesleistung herbeigeführt, sondern in unserem Falle eine nachweisbare Erhöhung.“  Das ist für die damalige Zeit eine bemerkenswerte Studie finde ich. Und das es zur Abschaffung der Sonntagsarbeit und Einführung des Achtstundenarbeitstages führte macht die Arbeit von Ernst Abbe noch bemerkenswerter.

Die Faustregel 8 Stunden Arbeit, 8 Stunden Freizeit und 8 Stunden Schlaf ist nicht von gestern. 

Produktivität und Überstunden. (Quelle: Daniel Cook)

Studien zeigen, dass bei nur einer Überstunde, also einem 9-Stunden Arbeitstag, die Fehlerrate um 10% steigt. Und die Regeneration nach  einem zwei-Monate-Coding Sprint um das Projekt live zu bringen, bei dem kontinuierlich in 60-Stunden-Wochen durchgearbeitet wurde, liegt bei der doppelten Zeit, also bei vier Monaten. Ihr merkt schon worauf ich hinaus will, in gewissen Branchen sitzen völlig überarbeitete Kollegen, die nie wirklich Zeit haben runter zu kommen. Vielleicht wird ihnen auch der Urlaub gestrichen, so dass im Grunde nur die Kündigung sie aus diesem Teufelskreis wieder rausholt.

Ein weiterer alarmierender Fakt, hängt mit der gestörten Konzentrationsfähigkeit bei Schlafentzug zusammen. Wer nur eine Woche statt zu Schlafen, eine Stunde länger arbeitet, der hat einen Blutalkoholwert von .10. Das sind je nach Körpergröße ein bis zwei Halbe. Na herzlichen Glückwunsch, in vielen Büros arbeiten also nicht nur chronisch überarbeitete, sondern auch besoffene Mitarbeiter. 

Die Empfehlungen die ich also jedem von euch nur wärmstens ans Herz lege, sind also klar:

  • Nicht mehr als 8 Stunden Arbeit am Tag
  • Nicht mehr als 90 Minuten Arbeit am Stück
  • Statt einer Stunde Pause, lieber viele kleine Pausen machen 
  • Keine Arbeit ans Bett nehmen, ausreichend Schlafen
  • Zieht euch mindestens eine Stunde am Tag zurück für fokussiertes Arbeiten
  • schaut euch süße Tierbabys im Netz an. 

Ach und wenn ihr einen dieser dämlichen Chefs habt, die nicht-gehirngerechte Arbeit mit Überstunden für eine Heldentat halten, wenn ihr einen Kollegen habt der immer nach dem Chef aus der Tiefgarage fährt und wenn euch Kollegen um 17:30 einen schönen halben Urlaubstag wünschen, jubelt ihnen die Fakten dieses Blogposts unter. Und wenn das nicht hilft, solltet ihr überlegen zu kündigen. Die Langzeitfolgen von Überstunden, Schlaflosigkeit und Konzentrationsschwäche sind es nämlich nicht wert.

Quellen:

Präsentation

Zum Verteilen im Business Kasper Modus, hier noch ein paar Slides:

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8 Comments

  • Henning
    19. Mai 2013 at 20:05  - Reply

    Punkt. Satz. Sieg.

    Wie aber Sascha Lobo damals im betahaus | Hamburg (http://netzkombyse.de/2011/06/28/sascha-lobo-uber-neue-arbeitswelten/) schon sagte: man muß auch Dritten (Externen, Kunden, Auftraggebern) gegenüber deutlich Position beziehen.

    Und das tut in der Regel weh. Unsere Arbeitskultur hat nicht Leistungsfähigkeit sondern Anwesenheit und Überstundenkonto als Bewertungsmaßstab für Arbeit eingeführt. Bei Freiberuflern und kleinen Agenturen ist das Thema Erreichbarkeit für den Kunden besonders hervorzuheben, da es sich eben auch um Arbeitszeit handelt.

    Und versuche mal jemanden beizubringen, dass du Deinen Arbeitstag in 9 Arbeitseinheiten und 8 Pausen einteilst, wenn dieser einen 14 Stundentag mit 30 Minuten Mittagspause als seinen Maßstab von Leistungsbereitschaft definiert.

    Danke für Deinen Beitrag, der das Thema nochmals ins Bewusstsein zurückbringt. Let´s do it!

    • Jormason
      19. Mai 2013 at 20:52  - Reply

      Merci. Auch für den Link.
      Dachte natürlich auch an die Freiberufler Dimension. Der Punkt hier ist genau wie du beschreibst, man ist quasi angehalten den Spruch „selbst und ständig“ zur Realität zu machen. Vertrauen wird hierzulande in den Vendor Relations auch mit Maß an Leid definiert habe ich das Gefühl.

      Aber es gibt auch ganz wunderbare Kunden. Hatte ich ja nur! (:

      An dem Punkt bleibe ich aber nochmal dran. Dank dir.

  • berni
    24. August 2013 at 13:44  - Reply

    nachdem ich mittlerweile 2 mal mit dem krankenwagen den arbeitsplatz verlassen musste, entwickle ich mich immer besser und ohne schlechtes gewissen zum neinsager.

    allerdings fast zu spät. körper und psyche sind ziemlich im ar…..

  • Ralf
    4. Oktober 2013 at 07:58  - Reply

    Absolut korrekt! In diesem Thema schlummert immer noch viel zu viel Potential. Erschreckend oft und verbreitet ist nach wie vor die subjektive Wahrnehmung, dass der letzte am meisten arbeitet. Das mag vielleicht sogar sein, aber viel und effizient haben nicht viel gemein! Insofern ist es auch immer wieder erschütternd zu sehen, wie wenig Arbeitgeber erkannt haben, dass es um Effizienz und NICHT „Anwesenheit“ geht! Somit unterstützen wir auch massive den Satz „Und wenn das nicht hilft, solltet ihr überlegen zu kündigen“!

    • Jormason
      4. Oktober 2013 at 08:59  - Reply

      Dank dir Ralf. Werd da nochmal weiter denken. In jedem Fall ist die Balance zwischen Vertrauen auf Arbeitgeberseite und Resilienz und Leistung auf Arbeitnehmerseite wichtig für ein gesundes Verhältnis zur Arbeitszeit.

      • Ralf
        4. Oktober 2013 at 10:24  - Reply

        Gerne Jörn. Interessant dabei wäre auch die Hintergründe zu beleuchten, warum so oft Kollegen auch einen schönen, halben Urlaubstag wünschen. Da gibt es schöne Vielschichtigkeiten zu beleuchten, nicht zuletzt dahingehend, was die Kultur im Unternehmen anbelangt ;o)

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