Warum Likehypes verblöden

Wer kennt sie nicht? Die schnell gehypten Links lustiger, ernster, dramatischer Beiträge die uns tagelang auf Facebook, Twitter und Co verfolgen. Die Anzahl der Freunde, die den Link ebenfalls in die gängigen Netzwerke gefeuert haben, sind der soziale Kit und das Beweismittel dafür, das der Link scheinbar gut und teilenswert ist. Es braucht nicht viel, dass Inhalte im Netz weiterverbreitet werden. Ist ja auch nicht weiter schlimm, ähnlich ist es ja auch im „wahren“ Leben. So ein Gerücht ist schnell verbreitet, eine Meinung am Stammtisch schnell zementiert. Der Like Button ist ja quasi genau das. Und Sharing ist Caring, oder?

Ich sage Nein, derartige Likehypes sind schlecht. Wer ohne mit der Wimper zu zucken Inhalte teilt, spielt mit seiner online Reputation und läuft Gefahr zu verblöden. Harte Worte und ja es klingt ziemlich Oberlehrerhaft. Aber lasst mich den vorletzten Satz erklären und danach noch einen drauf setzen. Es geschah erst jüngst als Der Postillon, der frisch gekürte Blog des Jahres 2013, dem deutschen Internet ein Ei ins Nest legte. Thomas Knuewer berichtet hier ausführlich darüber. Ein einfaches Fälschen des Datums in der Berichterstattung, sorgte dafür, dass Netzdeutschland glaubte die Profis hätten vom Satire-Blogger abgeschrieben. Da seht ihr es, Likehypes verblöden. Es hätte keine zwei Klicks gebraucht um herauszufinden, wie die Wahrheit oder in diesem Fall die Lüge aussieht. Wenn man nämlich feststellt, dass die chronologische Abfolge der Links in der Googlesuche partout nicht zu der Behauptung einer Seite passt, die ebenfalls nach zwei Klicks als Satireseite entlarvt werden kann.

Finde ich aber nicht so schlimm, viel schlimmer finde ich, dass es mittlerweile unzählige Portale gibt, die sich dem stumpfsinnigen Wahnsinn des Likehypes bedienen um schlichtweg richtig Kasse zu machen. Denn werbetreibende online Publisher interessiert vor allem eins, die Klicks die der Likehype ihnen auf der rechten Seite ihrer online Präsenz beschert. Aber schauen wir uns ein Beispiel an:

Am 19. September 1989 kamen 170 Passagiere ums Leben, als UTA-Flug 772 über der sengenden Sonne der Tenéré Wüste in Niger abstürzte. Die Wrackteile lagen auch im Mai 2007 noch im heißen Wüstensand, bis sich die Familien der Opfer zusammen taten um ein wirklich wunderschönes Denkmal inmitten der Ténéré Wüste Nigers zu erbauen. (Auf dieser Seite findet ihr alle Informationen und Photos zu dem Denkmal und hier könnt ihr für die Erhaltung spenden)

Nun hat das auf Linkhypes spezialisierte Blog viralnova.com diese Geschichte genommen und den Hype um die Information gewoben, dass das Denkmal mit Google Maps zu sehen ist. Ein Freund hätte ihm gesagt: „Klick doch mal diese und jene Koordinaten inmitten der Wüste, im Nirgendwo von Niger und sieh dir das an!“. Dazu ein perfekt viraler Titel und Bäm man kriegt Likes, Visits und Werbeinnahmen ohne Ende: 

 

Ich kann mir nicht helfen, ich find’s zum Brechen. Da wird im Grunde eins zu eins ein Posting einer anderen Seite übernommen und jetzt bin ich böse und mutmaße das es den Freund nie gegeben hat, der für die einmalige und unglaubliche Scrolling Erfahrung gesorgt hat. Recherchiert hat Viralnova hier nirgendwo, im Gegenteil eiskalt abgeschrieben wurde hier. Noch schlimmer ist allerdings dieses Zitat aus der About Seite des Blogs:  

ViralNova has been able to get more eyes on those stories than almost any other publication and has raised enormous amounts of money through promotion of the charity, fundraiser, or other organization behind it. 

Und um den Ganzen noch die Krone aufzusetzen, ist die Antwort auf die Frage welches der vielen Hypelike-Beiträge denn das Lieblingsposting des Betreibers sei, genau dies um das es hier geht. Schlecht recherchiert, abgeschrieben und kein einziger Link auf die Spendenseite, mit der hier zumindest teilweise den Inhalten und Geschichten anderer Genüge getan worden wäre. Doch darum geht es wohl nicht, auch wenn sich der Charity-Ansatz total toll anhört für die gutgläubigen Blogleser, hier wird Klickvieh geschlachtet und nicht die harte Arbeit und die Trauer der Familien dieses tragischen Terroranschlages geehrt. Das ist nicht gut, das stimmt mich nachdenklich. Vor allem weil die Familien von UTA-Flug 772 es nötig hätten unterstützt zu werden, denn das Denkmal verschwindet nämlich langsam im Wüstensand. Diese Information war nur ein paar Klicks auf FlickR entfernt, macht sie und teilt mit mehr Bedacht.

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5 Comments

  • Ralf
    3. Februar 2014 at 10:37  - Reply

    Hallo Jörn.

    Schön aufgezeigt, und ja, zum erbrechen. Aber was ist der Unterschied zu dem was Spiegel-online & Co. den ganzen Tag machen? Ganz zu schweigen von BLÖD oder anderen. Ist das nicht nur die „geschickte“ Übernahme dieser Mechanismen von genannter Seite/ Betreiber? Ist es nicht das, was Huffpo und andere jetzt auch vermehrt versuchen? Nicht gut, aber leider „normal“, oder?

    • Jormason
      3. Februar 2014 at 15:50  - Reply

      Dank dir für deinen Kommentar Ralf. Ja na klar, die Kollegen machen das aber auch professionell und mit einem journalistischen Anspruch. Für uns als Privatuser finde ich es durch die oben beschriebenen Punkte wichtig sich davon abzugrenzen. Gerade wenn es so leicht ist Inhalte als überzogen und wie gesagt in einigen Fällen sogar als falsch zu identifizieren. Ein weiterer Aspekt den ich völlig vergessen habe, bestimmte Portale die Kopp oder deutsche-wirtschaftsnachrichten, die recht populistische und politische fragwürdige Meinungen verbreiten gehören auch dazu. Da war mal was mit einem Fukushima Beitrag der unheimlich populistische das Ende der Welt wie wir sie kennen anpries und falsche Illustrationen der Verbreitung der Katastrophe nutzte…das ist noch schlimmer als durch Werbeeinnahmen Geld zu verdienen. Hier geht man auf Stimmenfang, im Falle der Wirtschaftsnachrichten sind es nicht zu leugnende Verbindungen zu AfD…das ist noch gruseliger…

      • Ralf
        3. Februar 2014 at 16:55  - Reply

        Stimmt! Gerade die Wirtschaftsnachrichten sind mir besonders oft aufgefallen, wo Leute aus meinem Dunstkreis aufeinmal vermehrt um die Kurve kommen, weil sie mehr auf die Headline als auf die Quelle achten! Das ist in der Tat gruselig! Was tun?

        • Jormason
          3. Februar 2014 at 23:15  - Reply

          Drüber schreiben das es dir auffällt? :)

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