Zugfahrtgespräche – wo sind die echten Schaffenden der Generation Internet?

Begegnungen im ICE machen eine interessante Zwischenwelt auf, man sitzt ein paar Stunden nebeneinander während Deutschland an einem vorbei rast, nickt sich mehrmals freundlich zu, macht sich Platz zum Beine vertreten und verabschiedet sich voneinander bevor man am Zielbahnhof aussteigt und sich nie wieder sieht.

Gerade diese Situation des Flüchtigen ist es, in der man aber auch mit seinem Sitznachbarn ins Gespräch kommen kann. Immer mit einer gewissen Rücksicht dem Anderen gegenüber, nicht stundenlang durch zu plappern, sich aufzudrängen sondern auch den Rückzug in die Tageszeitung oder das Buch zu gewähren. Während meiner Pendelei zwischen Hamburg und Berlin, ist es besonders interessant wenn solche Gespräche zustande kommen. Denn man hat nur eine limitierte Zeit und gerade morgens wollen die meisten arbeiten oder sich mit ihrem Kaffee der mitgebrachten Lektüre hingeben.

Das Gespräch was ich diese Woche am Montag morgen zwischen 08:06 und 09:48 geführt habe, war besonders. Ich bat um den Platz am Gang an einem der begehrten Tische, der Herr der seine Ledertasche und Trenchcoat auf dem Sitz verstaut hatte gab den Sitz frei und ich klappte mein MacBook auf. Ich weiß nicht mehr genau wie das Gespräch zustande kam, aber es war derart spannend das ich die Arbeit ruhen ließ und nach kurzer Zeit den Rechner zuklappte. Das Thema war kein geringeres als die grundsätzliche Frage nach der Fähigkeit des modernen Menschen zu staunen, sich die Welt durch das Entdecken zu erschließen. Was dies mit dem Titel nach den echten Schaffenden der Generation Internet zu tun hat, dazu gleich mehr.

Mein Gesprächspartner, ich kenne seinen Namen nicht, war gefühlt in seinen Sechzigern, Musiker, wahrscheinlich Komponist, eher Klassik. Es fing an mit seinem Blick auf mein MacBook und meinem Kommentar das WLAN zwischen den größten Städten Deutschlands eine Utopie sei. Wir unterhielten uns darüber ob die totale Abhängigkeit von cloudbasiertem Arbeiten wirklich eine so gute Idee sei und warum er die fortschreitende Digitalisierung für sehr fragwürdig hält. Ich wartete mit den Vorteilen effizienter Kollaboration mit modernen digitalen Worktools, den Vorteilen einer SSD Festplatte und der Vernetzung der Vielen über Twitter auf.

Magisches Auge (Foto: WikipediaNutzer Quark 48)

Ich staunte nicht schlecht als er nicht mir nicht nur bei Twitter folgen konnte, sondern auch die Fotofilter von Instagram belächelte. Für ihn seien die modernen digitalen Werkzeuge eine hilflose Nachahmung vorher dagewesener analoger Instrumente. Das Flackern des 8mm Films, die überbelichteten Bilder der Kameras von damals. Er brachte das wunderbare Beispiel des Transistorradios mit dem magischen Auge aus seiner Kindheit. Diese hatten eine „Anzeigeröhre“ die sozusagen direkt auf die Qualität des eingestellten Senders reagierte. Hier versuchte er Nachrichten aus der ganzen Welt zu empfangen, immer entlang der nach europäischen Städten eingeteilten Senderleiste, begleitet von einem grünen Leuchten.

„Sie hatten allerdings für Kinder einen sehr faszinierenden Bestandteil, und zwar das magische Auge. Das war ein gläsernes Rechteck, meist im Zentrum der der Frontseite. Es war etwa 4cm hoch und 3cm breit und leuchtete teils intensiv grün, teils eher gelblichgrün. Die Farbverteilung änderte sich ständig und zuckte in verschiedenen elliptischen oder hyperbolischen Formen, während mit einem Drehknopf ein Sender gesucht wurde, der guten Empfang versprach.“

wikidamals, Radioapparate: magische Augen und erste Transistorradios
 

Die Frage der wir nachgingen, nicht ohne kurz zu Dichtern wie Friedrich Hölderlin und Berthold Brecht abzuschweifen, war die nach dem Umgang mit den digitalen Hilfsmitteln und was es für die Menschen heute bedeutet. Diese seien sich doch gar nicht mehr bewusst, was diese moderner Geräte für sie leisten, so mein Gesprächspartner. Das Gefühl dafür welche Aufgaben der Computer einem abnimmt, ist verloren gegangen. Ich brauchte eine Zeit um meinem Gesprächspartner in diesem Punkt zu folgen, wurde dann aber nachdenklich und stimme ihm darin sogar zu. So kamen wir auf das Beispiel eines einfachen Hammers, hier weiß der Nutzer genau welche Aufgabe ihm abgenommen wird. Der Hammer weiß sozusagen was er will, durch den Einsatz von Kraft schlägt er den Nagel in das Holz und demjenigen der den Hammer schwingt erschließt sich diese Aufgabe unmittelbar. Dieses Gefühl verliert sich bei dem Anschalten eines modernen Computers heute im Grunde völlig. Man ist nicht mehr in der Lage wirklich zu erfassen, welche Abläufe das Öffnen eines Programms in der Maschine wirklich auslöst. Das sei aber äußerst wichtig, argumentierte er, denn nur durch das Staunen, im Grunde durch eine grundlegende Neugier den Dingen auf den Grund zu gehen, machen wir uns die Welt zu eigen, wachsen an ihr und können Dinge wirklich benennen.

An diesem Punkt lehnte sich mein Sitznachbar zurück, lächelte leicht und sagte er sei sich nicht sicher was die neuen sozialen Kommunikationswerkzeuge wirklich leisten. Ich konterte mit dem Argument das es doch signifikante Zeichen dafür gäbe, dass gerade Twitter sehr starke Auswirkungen auf die Informationsverteilung hat. Ich brachte das Beispiel des Phänomens #aufschrei. Doch er blieb unbeeindruckt, was genau bedeute es denn wenn die Informationsflut der Kommunikation zwischen Tausenden, jetzt sichtbar wird?

Und jetzt kamen wir an einen Punkt, den ich als zentral in dieser Unterhaltung empfand. Mein Sitznachbar fragte nach den echten Innovatoren des Internets, die wie Brecht und Hölderlin die Worte oder andere Arten an Werken so gestalten das etwas wirklich Neues für ihre Zeit entsteht. Wo sind diese Beispiele geschaffener Werke aus dem Internet? Blogs die nicht nur verwerten, kommentieren eine weitere Tür in die Subjektivität eines Einzelnen öffnen. Können wir, die Generation Internet Schaffende hervorbringen die aus diesen wunderbaren, vernetzenden Werkzeugen echte Kulturgüter kreieren? Großartige Fragen sind das, die ich einfach mal hier so stehen lasse. Ich bedanke mich bei meinem unbekannten Sitznachbar, vielleicht stimmt er ja ein in die hoffentlich fruchtbare Diskussion unter diesem Blogpost.

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6 Comments

  • Jan
    2. Februar 2013 at 16:42  - Reply

    Ein toller Text, eine spannende Zugfahrt und ein nicht minder spannender Gesprächspartner.

    Mir persönlich klingt er zu vergangenheitsverliebt und das sage ich bewusst als studierter und promovierter Historiker. Die größte Errungenschaft des Internets ist nämlich nicht unbedingt etwas völlig Neues, sondern verstärkt bereits vorhandenes, hier vorallem das soziale Miteinander.

    Früher war die einzige Verbindung zur Außenwelt die lokale Bibliothek oder das TV. Dort haben aber vorher Menschen entschieden, was ich zu sehen oder lesen bekomme, also ganz ähnlich der heute verteufelten Algorithmen. Dank des Internets gibt es diese Barrieren nicht mehr. Es ist allerdings wichtiger geworden, die neuen Möglichkeiten nicht nur zu nutzen, sondern auch zu verstehen. Das kann bedeuten, rudimentär über Code Bescheid zu wissen oder einen Hangout durchzuführen.

    • Jormason
      2. Februar 2013 at 21:44  - Reply

      Absolut Jan, Danke dafür. Ich wollte noch ein Disclaimer reinnehmen: „Nein dies ist keine Generalkritik oder früher war alles besser Leier!“ Aber du schriebst es selbst, die Technik ist ein Segen – das sagte auch mein Sitznachbar, er würde regelmäßig Jam- Sessions über Livestreaming mit seinen australischen Kollegen organisieren.

      Mich treibt aber diese Frage nach den Machern an. Ich meine bisher scheint es als ob wir ausprobieren, üben und den Weg bereiten, oder? Wann knallt es? Wo kommt der erste Neo, der Netz-Einstein unserer Zeit? (:

  • Jens Best
    3. Februar 2013 at 00:23  - Reply

    Das digital ermöglichte Netzwerk selbst ist bereits eine soziale Besonderheit, die in alle möglichen Bereiche hineinwirkt.
    Es kommen dadurch täglich abertausende neue Funken in die Welt, die vorher so nicht möglich waren. Es ist eine soziale Evolution von Information und Kommunikation. Das Interessante ist, dass wir dadurch auf die Frage nach dem Sinn unseres (gemeinsamen) Handelns zurückgeworfen werden.
    Wir können einfach weiter konsumieren, und die meisten machen auch genau dies, weil es sowohl am Willen als auch an der Befähigung mangelt. Die Möglichkeiten liegen mannigfaltig auf der digitalen Strasse. Wir können aber auch die Frage nach dem Sinn dieser neuen Interaktions-Werkzeuge versuchen zu ergründen.

    Empathie, Zusammen-Arbeit, Kollaboratives Leben und kooperatives Handeln sind nicht in ihrer Funktion, sondern in ihrem Wesen die wahre Herausforderung an unser bisheriges Systemdenken und das ebenso müde wie wachstumsgeile Agieren der letzten Jahrzehnte.

    Wir spielen bis jetzt weitestgehend nur mit den Möglichkeiten des Netzes. Wenn wir anfangen, es zu benutzen, stehen die großen Fragen vor der Tür (zusammen mit vielen neuen spannenden Antworten) – vorausgesetzt es gelingt den alten Kräften nicht vorher das Netz ebenso zu bändigen und auf (Pro-)Konsum zu trimmen, wie wir es mit dem Rest unserer Realität zugelassen haben.

    • Jormason
      3. Februar 2013 at 01:14  - Reply

      Und das ausgiebige Spielen mit diesen Möglichkeiten, das unablässige Vernetzen von Likeminds über Landesgrenzen und kultureller Barrieren hinaus und das unermüdliche Zünden kreativer Funken wird wirken. Danke für diesen Kommentar Jens, großartig.

  • Catie
    4. Februar 2013 at 19:31  - Reply

    Ein toller Text und nun bin ich neugierig zu wissen, ob Dein Gesprächspartner sich auch an eure Begegnung erinnert und ob er bzw. vor allem welche Erkenntnisse er daraus mitgenommen hat!

    • Jormason
      4. Februar 2013 at 20:13  - Reply

      Na, ich hoffe doch auf eine Rückmeldung von ihm.
      Meine Visitenkarte hat er, ich kündigte diesen Blogopst an.
      Ich halte euch auf dem Laufenden!
      :)

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