Leave your titles at the door

Diese Perle aus der Reihe des ffluidcasts hatte ein wenig Zeit zu reifen, denn durch die Transformationsprozesse die ich in den letzten Monaten selbst erlebte, war ich zu stark eingebunden. Aber ich finde der Podcast den ich im August mit Jürgen Erbeldinger, Noch-CEO der Partake AG, aufgenommen habe, passt hervorragend als letzter Beitrag für das Jahr 2014 und als Vorbereitung für ein neues Jahr. Es würde mich freuen, wenn auch möglichst viele Führungskräfte den Beitrag hören und lesen (zur Not einfach den Link an die Chefin weiterleiten), denn ich habe selten eine Führungskraft erlebt die den Anspruch an Veränderung und die damit verbundenen Schmerzen so gut reflektiert und sublimiert hat wie Jürgen. Dies bekommt das ffluid-Prädikat: höchst Nachahmenswert!

Doch first things first. Ich habe Jürgen im April auf einer denkwürdigen Lesung von New Business Order in den wunderschönen Büroräumen bei Partake selbst kennengelernt und mich zum Podcast eingeladen. Lena und Christoph schrieben über Partake und einem umfassenden Transformationsprozess den das Unternehmen durchmachte. In dem Buch ist von dem Motto „Summer of your life“ die Rede unter den Jürgen Erbeldinger den Change-Prozess der für Partake am 10.11.13 begann stellte.

„Der Anspruch von uns ist es, dass jemand der bei Partake war nachher sagt: „This was the summer of my life!“ (…) Wir wollen Arbeit so gestalten, das man nachher zurückschaut und sagt das war inspirierend und hat mich geprägt.“

Jürgen Erbeldinger, Noch-CEO der Partake AG

Auf dem Weg zur neuen Partake AG

Die Transformation der alten Unternehmensberatung Partake begann mit der Einführung des Freiwilligkeitsprinzips mit dem Vorsatz, dass das ein Jahr ohne Eingriffe oder Rückzieher durchgezogen wird. Es durfte also jede das arbeiten und entwickeln was sie wollte. Das Überraschende: es ist erst einmal gar nichts passiert. Nach 14 Tagen kam dann eine Mitarbeiterin auf Jürgen zu und hat darum gebeten ein eigenes Projekt in Führung anzupacken. Spannend daran war, dass sie in einer Teilzeitposition arbeitete und somit von Anfang an Verantwortung an ihre Mitarbeiter abspielen musste. Dies sei eine Entscheidung, so Jürgen, mit der er sich jahrelang schwergetan hätte. Das sich so eine Entwicklung quasi von selbst ergibt, ist auch schon eines der großen Errungenschaften des Freiwilligkeitsprinzips für Partake. Denn wenn man sich als Unternehmen öffnet, treffen die Mitarbeiterinnen selbst die Entscheidung in Teilzeit als Führungskraft zu arbeiten und dann funktioniert es auch.

Dann fragte ich Jürgen, wie er auf die Idee kam einen so umfassenden Transformationsprozess einzuführen. Die Antwort: durch die Beschäftigung mit dem Design Thinking Prozess, kam er auf die Idee sich selbst abzuschaffen. Dabei war ihm und den Führungspersonen von Partake nicht klar wie gravierend die Veränderungen sein würden. Die Dynamik die sich dadurch entwickelte war enorm, es wurde Vieles offen gelegt, was früher als unwiderruflich galt, veränderte sich innerhalb von Wochen. Das war auch schmerzhaft, denn auch so verliessen auch wichtige Menschen Partake, wie z.B. Jürgens Vorstandskollege mit dem er 13 Jahre lang gearbeitet hat. Aber all diese Entscheidungen, die nie so aus sich heraus getroffen worden wären, eröffneten insgesamt mehr Chancen als das dadurch Dinge kaputt gegangen worden wären. Dabei, so Jürgen, war ihm ein Effekt besonders wichtig, nämlich zu sehen wo er als CEO überall falsch gelegen hat.

So hatte Partake das Problem vieler Unternehmen, dass sich über die Jahre Verkrustungen bildeten, Klüngel und informelle Hierarchien. Das Freiwilligkeitsprinzip führte zu einem ehrlicheren und authentischeren Miteinander. Heute ist Jürgen einer unter vielen Mitarbeitern, arbeitet im Team und bekommt Feedback und auch direkte Ablehnung auf seine Ideen. Das ist ihm vorher als CEO nicht mehr passiert. Auf meine Frage ob nicht doch irgendwo ein wenig mehr Steuerung in dem Transformationsprozess gut getan hätte, antwortete Jürgen entschieden und direkt mit Nein. Heute überlegt er sogar den CEO-Posten ganz abzugeben und in eine Rolle als Evangelist zu gehen.

„Wir waren vorher eine gute Beratung, wir haben gute Projekte gemacht (…) aber das was wir heute machen, könnten wir nicht, wenn wir mit den alten Strukturen weiter gemacht hätten!“

Jürgen Erbeldinger, Noch-CEO der Partake AG

Warum Partake keine Personalabteilung braucht

Einer der Punkte die mich etwas geschockt hat, war die Aussage, das sie ihre Personalabteilung komplett abgeschafft haben. Ich fragte ein wenig weiter und wollte wissen wie ihr Rekrutierungsprozess aussieht. Erst einmal bekommen sie einen großen Anlauf an Bewerbungen durch die pressestarke Öffentlichkeitsarbeit die ihnen der Transformationsprozess beschert hat. Aber statt Vorstellungsgesprächen, gibt es einmal im Monat sogenannte „Pitch-it-Runden“, hier stellen sich Bewerber mit ihren Ideen vor und die Partaker in der „Pitch-it-Runde“ entscheiden, ob sie mit den Bewerbern arbeiten wollen. Ist dies der Fall bekommt die Bewerberin einen festen Anstellungsvertrag, wenn nicht ist sie raus. Selbst die zur Zeit größte Strategie-Beratung, die mit Partake zusammenarbeiten wollte, musste durch die „Pitch-it-Runde“. Hier bat man dann darum, Hilfe bei der Vorbereitung des Pitches zu bekommen, um auch möglichst viele Mitarbeiter zu überzeugen. Dafür fanden sich Interessenten und nach dem Pitch ebenfalls, so funktioniert im übrigen auch das Onboarding bei Partake, durch die Freiwilligkeit finden sich erfahrene Mitarbeiter die den Neuzugang an die Hand nehmen. Erstaunlich einfach und effizient. Selbstorganisation und intrinsische Motivation erspart Partake also viele viele Stunden.

Wie das Freiwilligkeitsprinzip in der Praxis funktioniert

Idee, Konzept, Prototyp, Launch, Pilot und Standard. Das ist der Prozess nachdem heute Projekte bei Partake durchgeführt werden. In jeder Bühne wie Jürgen die einzelnen Stufen nennt, hat man maximal vier Wochen Zeit. Von der Ideenbühne geht es nach wir Wochen weiter in die Konzeptbühne, dann mit Budget und Manpower in die Launchbühne und so weiter. Dafür gab es allerdings vorher keinen Standard und keinerlei Erfahrungen und so ist das allererste Projekt auch gleich grandios gescheitert. Aber es ging weiter und es bildeten sich neue agile Strukturen heraus. So wurde Weißwein nach China exportiert und es entstanden Möbelbau-Projekte.

Ein weiterer interessanter Punkt war auch, dass sich Partake heute nicht mehr als Beratung versteht, sondern als Company Builder. Denn die Einführung des Freiwilligkeitsprinzips führte dazu, dass viel mehr Energie in die wirkliche Umsetzung von Konzepten fließt. Und das hat gerade die Beziehung zu Kunden radikal verändert. So ist es durchaus passiert, dass sich kein Team für den Auftrag eines großen Konzerns interessierte, weil keiner mehr Lust auf Projekte hat, die nicht in die Umsetzungsphase gehen:

„Wir hatten ganz oft Kunden da, wo die Mannschaften sagen: „Och nö, das wollen wir nicht. Das ist wieder nur Idee und Konzept und keine Umsetzung!“ Und das verändert den Kunden und gleichzeitig auch uns.“

Jürgen Erbeldinger, Noch-CEO der Partake AG

Diejenigen die jetzt mit Partake arbeiten wollen, wissen auch das sie in die Umsetzung gehen werden. So werden Projekte auch im vornherein ganz anders kalkuliert. Somit hat Partake scheinbar eine äußerst pragmatische Antwort auf schwierige Dienstleister-Kunden-Beziehungen gefunden: entweder es gibt eine Zusage auf Umsetzung oder man arbeitet nicht zusammen. Alles in allem finde ich den Transformationsprozess den Partake durchlaufen hat bemerkenswert. Es sind meiner Meinung nach einige Lehrstücke in den Worten Jürgen Erbeldingers enthalten, am meisten hat mich die Ruhe und das Vertrauen beeindruckt mit der er über seine Mitarbeiterinnen spricht. Das liegt wohl daran, dass er heute eigentlich wieder mehr Kollege als Chef ist.

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2 Comments

  • Jakob
    1. Februar 2016 at 09:55  - Reply

    Genial!
    Aber es bedarf wohl auch des richtigen Teams, dass solche Strukturen „verträgt“!
    „Nachahmenswert“ ist es aber allemal! Danke für diese Einblicke!
    Grüße aus Wien,
    Jakob

    • Jormason
      7. Februar 2016 at 15:24  - Reply

      Sehr gern Jakob, freut mich das es dir gefällt.

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